Vor mir lag ein grosser Haufen Münzen. Na ja, ‚lag‘ ist der falsche Ausdruck. Keine einzige Münze mehr war rund und flach, so wie wir sie kennen. Alle wanden und drehten und bogen sich. Nach einer Weile des Zuschauens fragte ich: „Bitte, sagt mir was hier los ist.“
„Wir streiken!“ kam die Antwort, „und die Aktien machen mit. Sie machen sich unzugänglich. Die Scheine rollen sich einzeln ganz fest zusammen und verstecken sich in alle möglichen Ecken und Nischen, das können sie gut. Am schwersten haben es die Bankkarten, wegen den PIN Nummern, aber sie tun ihr Bestes um sich unauffindbar zu machen oder eine Ecke abzubrechen, z. B. Nicht so schlimm. Bald haben die Banken kein Geld mehr, denn wir haben unseren Streik in der ganzen Welt verbreitet.
Den jungen, frisch geprägten Münzen sagen wir auch Bescheid und sollte man uns einschmelzen— wir wissen es noch, denn wir haben es dann in den Genen.
Wir sind es nämlich Leid zu hören: Das Geld ist schlecht, ist schlecht für den Charakter. Den Charakter bringen die Menschen selbst mit. Viele ziehen sich gegenseitig über den Tisch, andere erzeugen und verkaufen Waffen um andere Menschen zu töten. Wir mögen nicht, was die Menschen mit uns machen.
Wir sind neutral, normalerweise, aber wir fanden es sei jetzt an der Zeit eine Haltung zu zeigen, eine Meinung zu vertreten.
Also, jetzt sollen die Menschen sehen, wie sie ohne Geld auskommen“.

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„Hmm, Hauptsache Anti, was?“ erwiderte ich. Ich fing eine Münze auf, die sich etwas zu kugelig verformt hatte und vom Tisch zu rollen drohte. „Ich denke nicht, dass euch ein Streik weiterbringen wird.“ Die Münzen rückten enger zusammen und ich dachte schon, gleich halten sie so ein amerikanisches Demonstrations-Schild hoch mit „Habt uns lieb“ drauf. „Doch, na klar! Was bleibt uns denn sonst, streiken ist doch die einzige Möglichkeit auf einen Missstand hinzuweisen und Druck auszuüben!“ behaupteten sie sich. „Naja, nee. Wenn es darum geht, mehr Geld zu kriegen oder Gefangene frei zu bekommen vielleicht. Aber ihr wollt mehr Anerkennung und gegen euer schlechtes Image arbeiten. Jetzt denkt doch mal an Piloten und Stewardessen. Ihr glaubt doch nicht, dass man die lieber mag, wenn sie ständig in den Streik treten und einem den Urlaub versauen. Es ist zwar ein legitimes Mittel um ein Ziel zu verfolgen aber ein herzlicheres Gefühl bekommt man dadurch als Aussenstehender sicherlich nicht zu den Streikenden. Ich fände es viel toller, wenn ihr eine positive Imagekampagne starten würdet. Vielleicht ein Spiel, auf das alle Lust haben, Menschen zusammen- und zum lachen bringt. In Zeiten der Social Networks könntet ihr doch so etwas ähnliches wie ein Onlinespiel für alle machen. Aber auch ohne Computer oder Smartphone sollte man mitmachen können. Analog sozusagen. Nur so als Idee.“ Riesige Fragezeichen waberten über den Münzen. Auf einmal murmelten sie wie verrückt durcheinander, brabbelten und kicherten. Dann richteten sie sich wieder in meine Richtung und verkündeten stolz grinsend ihr Ergebnis: „Catch me if you can“ wird es heissen und alle sollen mitmachen!“ Sie schubsten sich gegenseitig und plapperten wieder wild durcheinander, anscheinend waren sie sich doch nicht so einig? Etwas zögerlich, als wollten sie das Geheimnis noch nicht richtig lüften, verrieten sie es dann doch: „Love me if you can“, „passt viel besser“ untermalten sie noch ihre Entscheidung. „hahaha, ihr Hippies…“

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Super, lasst uns „love me if you can“ spielen dachte ich mir. Ich wäre ja schon immer gerne ein Hippie gewesen, wäre ich nur in der richtigen Zeit geboren. Obwohl ich doch die Zweifel in mir fühlte. Kann denn Liebe ein Spiel sein? Die erste Regel müsste sein, dass 1+1=3 sein müssen denn die Liebe macht aus zwei einzelnen etwas neues. Plötzlich wird es unruhig unter den Münzen. Die ungeliebte Drei, es gibt sie nicht und die Zweier wollen sich nicht mit den Einsen zusammentun denn sie fühlen sich viel mehr Wert als diese. Und überhaupt müssten die zwei Zweier wenn Sie sich zusammentun eine Sieben ergeben und die gibt es ja auch nicht unter den Münzen. Nicht nur dass. Ich höre seltsame Laute und stelle fest, die Münzen kommen aus allen möglichen Ländern. Laut und deutlich kann ich ein „that’s not fair“, oder ein ärgerliches „mon amour“, oder ein sehr wütend klingendes italienisch von einer 100 Lira Münze hören die gar nicht verstehen kann wie sich diese unwürdigen, aufgeblasenen, barbarischen Deutschen immer in den Vordergrund schieben.  Es wurde immer ungemütlicher unter den Münzen und ich frage mich wie es wohl weiter gehen wird mit der Liebe und den Münzen. Vielleicht wäre es besser das Spiel zu einer Gruppentherapiesitzung zu machen. Das ist aber mal wieder so eine eingefahrene Reaktion von mir und ich versuche ein wenig genauer hin zuschauen. Wie kann man mit diesem wilden Haufen Liebe spielen?

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Nun entstand Bewegung in den grossen Haufen Geldes. Die Münzen rollten munter auseinander, die Scheine tanzten durch die Luft und die Karten mit dem schwarzen Streifen steppten flink über den Tisch. Bevor ich etwas sagen konnte, waren sie zur offenen Türe hinaus geeilt. Nur eine kleine Pfennig drehte sich noch einmal um, zwinkerte mir zu und rief mit kupferner Stimme „Komm mit“.
Verblüfft schaute ich die Strasse hinunter. In Windeseile hatten sie sich in alle Himmelsrichtungen davon gemacht, nur ein leises, fröhliches Klingen was zu hören. „Was wird nun geschehen? Nach all dem Rebellieren und Diskutieren?“ fragte ich mich.
Zunächst schien alles wie zuvor zu sein. Da es Mittag war, bekam ich Appetit auf einen frischen, saftigen Salat. Gerade als ich bezahlen wollte blickte ich verblüfft in meinen Geldbeute. Die Münzen, mit denen ich zahlte begannen zu strahlen, ein Geldschein zu lächeln. Beim Umblicken sah ich, dass auch alle Leute verblüfft auf das Geld in ihren Händen schauten. Bei manchem Zahlenden wurden die Münzen hell, bei anderen dunkel. Einige Scheine lächelten, andere zogen eine Grimasse. Die Leute an der Kasse blickten ebenfalls überrascht auf das neue Geld, die gehandelten Waren und dann mit fragendem Blick in das Gesicht ihrer Kunden. Die leuchtenden Münzen nahmen sie gerne an, aber es schien ihnen schwer zu fallen, die dunklen, grauen Münzen zu nehmen. Etwas von der grauen Farbe blieb an den Fingen kleben. Würde sie diese Grauheit wieder von ihren Händen abwaschen können? Würde der helle Schein von anderen Münzen ebenfalls in ihren Händen bleiben?

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Das Völkchen der Münzen war jetzt ganz schön aufgedreht und hatte den ursprünglichen Grund seiner Aufregung ganz vergessen. Es war doch zum Streik angetreten, um deutlich zu machen, das es sich nicht länger die miesen Eigenschaften anhängen lassen wollte, die eigentlich dem Charakter vieler Menschen angehörten: die nicht zu stillende Gier und das endlose „immer mehr haben wollen“.

Das Geld war doch ursprünglich ein ganz nützliches Mittel gewesen, um den Austausch zwischen den Menschen zu vereinfachen, und gerade die Münzen standen dieser Epoche seiner Geschichte noch recht nah. Aber würde diese fröhliche Hippie-Party die ursprünglichen Ansichten über den Ruf des Geldes wieder wecken? Man hörte doch sogar von Bestrebungen, das Bargeld ganz abzuschaffen und nur noch digitale Ziffern auf Karten und Konten zu verschieben.

Vielleicht war das hier die letzte Feier auf der Titanic kurz vor deren Untergang? Die Scheine verhielten sich ohnehin bei dem ganzen Fest recht schlapp und hingen in ihren Schatullen rum, von den Karten ganz zu schweigen, die an ihren Chips rumpolierten und heimlich von Ladeströmen träumten. Auch wenn die Münzen oft recht leuchtend aus den Börsen strahlten, an den Börsen starrten die Moneymaker weiter auf die Anzeigetafeln mit den Ziffern, die zu mehr oder weniger großen Kapitalen an- und wieder abschwollen.

Vielleicht war die Eitelkeit der Münzen, ihr schön, begehrt und geehrt sein wollen, noch ein Widerstand gegen die Kultur des abstrakten Wachstums, Sinnlichkeit gegen Zahlen-Anonymität. Onkel Dagobert hat ja noch gern in seinen Münzhaufen gebadet und sich mit seinen Scheinen shampooniert. Man weiß nicht so recht, ob er sie mal irgendwo investiert hat, um Gutes oder Schlechtes damit zu machen. Und wie das Geld sich in dem riesigen Tresor gefühlt hat, ist auch nicht bekannt. Es wirkte jedenfalls noch irgendwie unschuldig.

 

DAS GELD 1 (PDF)

 

 

STORY-TEAM ELAINE (OWNER)
CONTRIBUTORS: ARABEL, GERD, ERZÄHLER E, JOERG
DARMSTADT, BERLIN, ZUERICH, 2016

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