MAGNOLIA, ein italienisches Vorstadtmädchen aus Cortina d’Ampezzo, war ein normales Mädchen. Sie lebte mit ihren Eltern in einem kleinen Haus unter den Dolomiten, wo es das ganze Jahr über kalt war. Aber sie war es gewohnt. Ihre Mutter von der sie Bella Bambina genannt wurde, schüchterte sie weder mit Hausaufgaben noch mit lästigen Haushaltsarbeiten ein. Sie wurde gerügt, genau wie jedes elfjährige Kind, und liebte Schreckensgeschichten im Fernsehen.

UND WIE JEDES ELFJÄHRIGES KIND, hatte sie eine weite Welt in ihrem Kopf. In jeder Ecke, in jedem Regentropfen, tauchten Fragen auf, in jedem kleinen Tier, das sie in einem Dokumentarfilm im Fernsehen sah. Sie verbrachte den Nachmittag mit Zeichnen und Schreiben von kleinen Gedichten und Eintragungen in ihrem Tagebuch. Ihre Phantasie verwandelte Lächeln in Geschichten, Tränen in Erinnerungen.

EINEN TAG, nach einem schwierigen Mathematik Unterricht – Magnolia, die nie ein Fan von Zahlen war, würde sagen, diese seien zu „quadriert“ um sie zu verstehen, – verirrte sich das Mädchen  auf dem Heimweg. Es geschah ziemlich regelmäßig, dass sie sich von ihrem Tagtraum ablenken ließ und immer ein oder zwei Häuserblocks von ihrem Ziel entfernt ankam. Diesmal aber befand sie sich an einem Ort, den sie noch nie zuvor besucht hatte. Ein dunkler und düsterer Ort, grau, wo die Wasserbecken auf dem Boden nicht das Sonnenlicht reflektieren. Ein Ort, an dem ihr Mut schwand, den sie bislang nur vor dem Fernseher testen konnte.

Zum ersten Mal waren Magnolias Gedanken umgeben von Verzweiflung. Von Seite zu Seite blickend, zweifelte die Kleine, was sie als nächstes tun sollte, und entschied sich dann, es sich einfach vorzustellen. Magnolia begann, den Himmel auszumalen mit einer dunkleren Farbe, aus flammenden rot. Die Sonne, die seit einer Zeit grau war, wechselte zu orange. Die Swimmingpools wurden zu Seen. Der Spaß fand bereits statt, das war ihr Auslöser. Ihr Ziel war es, auf den Bordsteinen zu balancieren, kleine Pirouetten zu drehen und sich dabei vorzustellen, ob sie sich bewegen sollte oder nicht. Wenn sie fiel, konnte sie ertrinken. Wenn sie höher sprang, würde sie sich verbrennen.

ZEHN MINUTEN SPÄTER wurde die Bella Bambina müde und fühlte sich immer noch verloren. Sie fragte sich, ob ihre Eltern sich Sorgen machten, ob sie nach ihr suchten. MagnoliasMagnoliens erster Reflex war zu weinen, bis jemand sie gefunden hatte, aber sie wollte in der Lage sein, ihren Weg zurück nach Hause zu finden, genau wie jeden anderen Tag.

DAS MÄDCHEN KONNTE GESCHICHTEN ERFINDEN, mit Anfang, Mitte und Ende, ohne zweimal nachzudenken. Viele duldeten ein solches Verhalten nicht: „Hör auf Dinge zu erfinden! Es wird dich nirgendwo hinbringen, Mag!“ Oder:“ Hör auf damit, Mädchen! Eines Tages wirst du in deinen eigenen Gedanken verloren sein!“. So beschloss sie, ihre Schritte zu wiederholen. Sie hatte keine Angst mehr, sie war zuversichtlich. Doch wer sagte Magnolia könnte sich erinnern? Wenn ihr Gedächtnis versagte, was denn?

RENN ….

UND SIE RANNTE, schneller als sie bis dahin konnte. Nach welcher Seite? Sie wußte es nicht. Die Straßen wurden austauschbar, es gab keine Anzeichen, nicht einmal Fahrzeuggeräusche oder Menschen, die darauf warteten, dass ihre liebsten Kinder sicher nach Hause zurückkehrten. Was geschah?

MAGNOLIA SETZTE SICH HIN UND WARTETE. Die Dunkelheit hatte bereits ihren Schatten verschlungen, der Hunger vermischte sich mit ihren Gedanken und die Kälte begann sie abzulenken. Sie kuschelte in einer Gasse und entschied, dass sie nun besser wie „ein großes Mädchen“ denken würde.

ES WAR, ALS HÄTTE SIE EINE EPIPHANIE. Magnolia erinnerte sich, was ihr Lehrer an diesem Tag in der Klasse gesagt hatte. Das Thema, obwohl schwierig, war ganz mit ihrem aktuellen Moment verbunden. Der Lehrer hatte die Schüler unterrichtet, dass, um fliegen zu können, auch Mathematik gebraucht werde. Fasziniert hörte Magnolia aufmerksam zu, während er  die Himmelsrichtungen, Breitengrade, Längengrade erklärte und wie diese als Kompass den Seeleuten durch Orientierung an Himmel oder Land halfen. Am Ende des Unterrichts schenkte er jedem einen kleinen Kompass und empfahl ihnen, sie sollten das Gerät immer waagerecht halten und sich dabei ihr Ziel vorstellen.

MAGNOLIA kletterte dann eine hohe, mit korallenblauen Fliesen bedeckte Mauer hoch bei einem verlassenen Haus, auf das sie bei ihrem Weg gestoßen war. Von dort aus konnte sie die kleine Kathedrale sehen, die sich in der Nähe ihres eigenen Hauses befand und merkte, dass es nicht sehr weit war und zeigte den Kompass in dieser Richtung. Mit einem schüchternen Lächeln wiederholte das Mädchen, was sie immer von ihrem Großvater hörte, als sie noch jünger war: „Sehr gut, Kleine“.

Während sie die Kacheln herunterkletterte, blieben ihre Nylon-Schnürsenkel in der Struktur stecken, das kleine Mädchen fiel auf den Boden und ihr linker Schuh blieb an der Wand hängen. Nachdem sie aufgestanden war, spürte sie, wie ihr Herz so schnell schlug wie nie zuvor. Adrenalin und die Angst übernahmen den Körper für einen Moment – sie erkannte, dass sie vor der Haustür des verlassenen Hauses stand.

„Bin ich eine Kriminelle?“, dachte sie. Nein, sie hatte nichts gestohlen, sie wollte gerade ein leeres Haus betreten. Was ist also das Problem damit, sagte sie sich mit leiser Stimme und versuchte es auch zu glauben. Magnolia bemerkte eine große Menge Unkraut und einen sauren Geruch, als ob etwas in der Nähe faul wäre. Die Türen waren verschlossen und die Fenster hatten Tische aus Holz, die mit Nägeln gefüllt waren, die nicht alles richtig bedeckten, wobei ein Sprung in der Wand ihr den Weg zeigte.

BEI JEDEM SCHRITT der sie in das Innere des Hauses führte, war es als ob ein unheimlicher Fluss ihren Magen einfror.

Dennoch, stärker als die Angst, die in Kindern wohnt, ist ihre Neugier, und so setzte Magnolia die Erkundung des Ortes fort. Langsam, aber immer vorwärts, gelangte das Mädchen in einen Raum, der von der Dämmerung verschluckt wurde. Sie hustete manchmal, wegen des Staubs, der in ihrer Kehle stecken würde. Es waren Möbel, die mit weißen Blättern bedeckt waren, und schwere Bücher, die durch die Zeit dunkel geworden, beugten die Regalbretter durch.

IM ZENTRUM DES ZIMMERS, am Kamin, war ein verblasstes Bild eines sehr beängstigenden Mannes. Magnolia fühlte ihre Herz rasen, als die Kreatur innerhalb des Rahmens auf sie zuzukommen schien:

– Was ist los, Mädchen ?!

– AAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAAA! – schrie Magnolia.

Die Leute auf der Straße schauten auf sie, denn sie stand vor einem alten Mann, der an einem Stock ging. Nach und nach erlangten der Himmel und die Fliesen ihre ursprüngliche Farbe, anders als die von Magnolia gemalten, und sie begann wieder ihre Umgebung wahrzunehmen.

DIE FANTASIE wurde endlich aufgelöst.

Sie schaute auf einen alten Mann, der ausgesprochen nett war. Sie lächelte ihr schüchternes Lächeln und entschuldigte sich. Noch atemlos, lief sie, dieses Mal fünf Blocks nach Hause (war das ein neuer Rekord?). Gerade noch rechtzeitig am Tisch mit ihrer Familie zu sitzen, um zu Mittag zu essen.

 

DAS MÄDCHEN DAS FLIEGEN KANN (PDF)

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