WIR WOLLTEN NUR  MILCH  für den Kaffee. Der Kühlschrank stand kühl und gerade in der Ecke, so wie immer. Doch kam ich nicht dran, weil Emilia sass davor, tief engagiert in einem ernsten Gespräch mit einem vor ihr stehenden Stuhl.
Johann lugte über meiner Schulter, um zu sehen, was Emilia da eigentlich machte. Er und Emilia sind ein Paar. Kurz darauf entstand eine mittlere Explosion hinter meinem linken Ohr, was von Johanns vergeblichem Versuch zeugte, einem Lachanfall zu unterdrücken.
Die meisten von uns kennen sowas. Eine schön – ernste Situation,.wie z.B.  Hamlet im  Shakespeare Theatre, oder ein wunderschönes Klavierkonzert, und dann passiert irgendwas blödes, und man bekommt einen solchen Lachanfall.  So erging es mir. In einem solchen Klavierkonzert trug ich im Haar eine wunderschöne Rose – zum dritten mal,  eben weil sie so schön war.
Während des langsamen  Satzes beugte ich mich wegen irgendetwas nach vorne. Tja. Und da lagen die ganzen schönen Blütenblätter auf dem Boden, und ich mit einem lächerlichen  Stöckchen im Haar. Mein Begleiter – selbst ein begnadeter Pianist – und ich bekamen prompt einen fürchterlichen Lachanfall, wobei natürlich nichts zu hören sein dürfte. Aber es schüttelt einen.
Sa -ag mal, kam es jetzt nachdenklich gedehnt aus mir heraus; wir haben jetzt 2016. Ist sowas heute normal? Ich meine, mit einem Stuhl oder ähnlichem Gespräche zu führen?

DAS FRAGST DU MICH, Zeitreisenden seit 10.001 Jahren? Einst hörte ich Julius Caesar polemisieren mit der Plato-Statue in der Bibliothek zu Alexandria über das Massaker an den Galliern, Barbarossa dialogisierte mit der Büste von Charlemagne im Dom zu Aachen über die Zukunft des ersten Reiches und Theodore Roosevelt stritt mit dem marmornem Abraham Lincoln im Memorial in Washington über den 2. Zusatzartikel der Verfassung. Ja, es ist völlig okay mit Stühlen zu sprechen, Tischen, Denkmälern, allesamt Intermediäre unseres neugierigen Geistes für die Kommunikation mit Helden der Vergangenheit, Giganten der Zukunft, Geistern, Gott. Doch nicht mit wem du sprichst ist wichtig sondern was du sagst, fragst, mitteilst. Und das ist dein Geheimnis, nicht meins. Dieses Geheimnis zu erkennen, gäbe meinem Zwischenstop in dieser Zeitlichtung unerwarteten Sinn. Ein solches Geheimnis zu lüften wäre ein großer Preis und Anlass weiter zu reisen in eine Zukunft ohne Stühle und ähnlichem, dort wo Menschen mit heute noch unbekannten Intermediären kommunizieren.
Freunde, lasst uns das Geheimnis, warum die Rose aus dem Haar fiel, gemeinsam herausfinden, den Anlass für den Lachanfall verstehen und eine Frage wird beantwortet, eine Lücke schließt sich in deinem Leben und gibt dir erquickende Ruhe. Was also, ist das Geheimnis dieser Rose?

ES IST SCHON VERRÜCKT, dass unsere Protagonistin Emilia heisst. Denn „A rose is a rose is a rose is a rose“ ist ein Part von Gertrude Steins Gedicht von 1913. Das ganze Gedicht heißt „Sacred Emily“…
Mit dem ersten „A rose is a rose“ meinte sie den Namen einer Person, mit dem zweiten die Blume und so kann man das ewig weiterführen. Ihr ging es damals darum, zu verdeutlichen, dass alleine bei dem Sound „rose“ jeder sofort eine andere Assoziation hat und die Freiheit der Gedanken freigegeben wird. Die Dinge sind, was sie sind. …Kommt nur darauf an, für wen sie was sind.
Ich sage: „If you get a rose you become a rose“. Denn hast Du jemals egal ob Männlein oder Weiblein jemanden gesehen, der nicht anfängt ein wenig aufzublühen, bekommt er eine Rose? Ein Lächeln und leicht veschämte rosige Wangen? Eine Rose ist eine Momentaufnahme, wie der Fingerabdruck eines kleinen Teils deines Lebens. Aber sie macht diesen mikroskopisch kleinen Teil unvergessen und unverwechselbar. Man kann diesen Moment nicht hinauszögern, künstlich verlängern. Deshalb hat das Schicksal unsere beiden Konzertbesucher auch ertappt und sehr witzig zur Raison gezogen.
Ach und das Stöckchen hätte man umgedreht in einen Topf Erde stecken können, bei jeder zehnten etwa bilden sich wurzeln… aber das war ja sicher nicht gewollt…

PLÖTZLICH RISS MICH ein schrilles Geräusch aus meinen Gedanken. Es berührte mein Herz und ließ mich mit freudiger Erwartung nach draußen blicken. Es waren die Mauersegler. Wir kennen uns. Sie fliegen in halsbrecherischem Tempo  über die Dachlandschaft und hatten, als sie hier vor der Balkontür eine akrobatische Kurve flogen, Ihren lauten Schrei losgelassen, so als ob sie mich wach rütteln wollten mit ihrem Enthusiasmus und Ihrer Freude am Spiel. Ja, wir kennen uns und sie lieben es Aufmerksamkeit zu erheischen. Zumindest in meinem Herzen ist das so. Ich kann die Berührung fühlen und die Freude die ich spüre wenn ich sie sehe, lässt mein Herz schneller schlagen. Hier weiß ich auch, dass sie mich wahr nehmen und auf mich reagieren.
Seltsame Wesen, die selten die Erde berühren, die wohl nie feste Beziehungen aufbauen können. Wo alles immer in Bewegung ist, so schnell, dass es mir schwindlig bei dem Gedanken wird. Haben sie Freunde mit denen Sie für eine Weile weiter ziehen? Oder ist es das Spiel, dass sie zusammen bringt? Diese Momente der Ausgelassenheit die, auch verbunden mit dem Hunger nach essbarem, mit Praktischem verbunden ist. Alles so fragil und trotzdem voller Freude, unbesorgt. Jeder Moment voller Wunder, voller Reize auf das zu reagieren was sich in dieser Zehntel Sekunde vor sich auf tut. Das unvorhergesehene, aber erhoffte. Ach ja, wo war noch mal die Milch?

NACH DIESEN GEDANKENFLÜGEN schaute ich plötzlich Emilia wieder genauer an: konnte es sein, dass sie vielleicht in geistige Verwirrung gestürzt war? Es gab doch vor vielen Jahren diese Geschichten von dem Hirnforscher Oliver Sacks, z.B. über den Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte. Verwechselte etwa Emilia einen Stuhl mit ihrem Mann? Sie plauderte munter weiter drauflos, und mir wurde beim Zusehen recht mulmig. Dann sah ich, wie Johann neben mir wieder von unterdrücktem Lachen geschüttelt wurde, ganz so wie wir damals im Theater, als die Rose zerfiel, und dann wurde mir immer klarer, dass die Situation komisch, nicht dramatisch war.
Hier redete kein heldischer Charakter mit den Standbildern vergangener Helden, und ein beglückender „rosiger Moment“ war ebenso wenig in Sicht wie die Freiheit des Fluges der Mauersegler (die übrigens, da sie eigentlich immer in der Luft sind, sogar im Fluge schlafen und sich paaren sollen, wie mir merkwürdig konkret plötzlich einfiel). Dieses Konkrete passte aber irgendwie zu Emilias so selbstverständlichem wie zugleich absurd erscheinenden Geplauder. Dann half mir Johann, den Groschen fallen zu lassen: „Schau Dir doch Emilias Wuschelfrisur mal genauer an. Siehst Du die eingedrückten Stellen denn nicht? Und das da an ihrem Hals ist kein neuer Schmuck, sondern ein Mikro. Sie hat ihr neues Head-Set aufgesetzt und redet mit einer Freundin vermutlich über ganz alltägliche Sachen“. Nun mussten wir beide herzlich lachen, über meine Verwirrung und ihre so schlichte Auflösung, während uns nun Emilia etwas irritiert musterte, ohne sich aber weiter bei ihrem Gespräch stören zu lassen. Mich erinnerte die Situation an das Gefühl, das ich manchmal habe, wenn ich beim Spaziergang plötzlich auf jemanden treffe, der laut mit der Natur zu reden scheint, bis ich dann sein Handy sehe. Irritationen der modernen Kommunikation. Nun holte ich mir aber endlich die Milch und tat sie in meinen Kaffee.

STORY-TEAM ELAINE (OWNER)
ARABEL, RUEDIGER, ERZÄHLER C, GERD (CONTRIBUTORS)
DARMSTADT / BERLIN, GERMANY 2016

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