WIR WOLLTEN NUR  MILCH  für den Kaffee. Der Kühlschrank stand kühl und gerade in der Ecke, so wie immer. Doch kam ich nicht dran, weil Emilia sass davor, tief engagiert in einem ernsten Gespräch mit einem vor ihr stehenden Stuhl.
Johann lugte über meiner Schulter, um zu sehen, was Emilia da eigentlich machte. Er und Emilia sind ein Paar. Kurz darauf entstand eine mittlere Explosion hinter meinem linken Ohr, was von Johanns vergeblichem Versuch zeugte, einem Lachanfall zu unterdrücken.
Die meisten von uns kennen sowas. Eine schön – ernste Situation,.wie z.B.  Hamlet im  Shakespeare Theatre, oder ein wunderschönes Klavierkonzert, und dann passiert irgendwas blödes, und man bekommt einen solchen Lachanfall.  So erging es mir. In einem solchen Klavierkonzert trug ich im Haar eine wunderschöne Rose – zum dritten mal,  eben weil sie so schön war.
Während des langsamen  Satzes beugte ich mich wegen irgendetwas nach vorne. Tja. Und da lagen die ganzen schönen Blütenblätter auf dem Boden, und ich mit einem
lächerlichen  Stöckchen im Haar. Mein Begleiter – selbst ein begnadeter Pianist – und ich bekamen prompt einen fürchterlichen Lachanfall, wobei natürlich nichts zu hören
sein dürfte.
Aber es schüttelt einen.
Sa -ag mal, kam es jetzt nachdenklich gedehnt aus mir heraus; wir haben jetzt 2016. Ist sowas heute normal? Ich meine, mit einem Stuhl oder ähnlichem Gespräche zu führen?

ACH, DOCH NICHT ERST SEIT HEUTE. Charly Chaplin führte in „Der große Diktator“ ein wortloses und dennoch unfassbar ausdrucksstarkes Zwiegespräch mit einer Weltkugel. Er tanzte mit ihr durch den ganzen Raum und ich schwöre, es war nicht einseitig.
Snoopy tanzt mit einem Herbstblatt im Wind, verbeugt sich am Ende und sagt zu dem Blatt „Thank you for the dance“. Und das Blatt hat es geliebt mit Snoopy zu tanzen, ich schwöre!
Und James unterhält sich mit 4 Stühlen für Miss Sophie. Er stößt sogar mit ihnen an, trinkt mit ihnen und gießt ihnen nach. Da die längst verstorbenen Freunde Miss Sophies aber einst dort, auf eben diesen Stühlen saßen, bekommt man auch hier nicht das Gefühl, James sei ein Spinner. Die Stühle sind eben die Zeitzeugen der imaginären Verblichenen beim alljährlichen „Dinner For One“.
Ich glaube, heute ist es nur einfacher, es zu vertuschen, wenn man mit sich selbst spricht, das ist alles. Man muss sich ja nur einen Knopf mit Kabel ins Ohr stecken und kann wunderbar vor sich hin brabbeln und jeder denkt, man telefoniert. Ich bin hundert pro der Überzeugung, dass bei einem hohen Prozentsatz gar keiner an der anderen Seite der Telefonleitung ist. Und, who cares? In Zeiten von Wählscheibentelefonen ging das natürlich nicht.
Es kommt also darauf an, was der Stuhl für Emilia ist, was er verkörpert. Und ob er ihr weiterhelfen kann. Ob er austauschbar ist?
Ich würde zu gerne wissen, was Emilia dem Stuhl erzählt hat….. und vor allem, was der Stuhl geantwortet hat 🙂

ICH HÖRTE JETZT GENAUER HIN was Emilia „mit dem Stuhl redete“, und plötzlich erkannte ich es, war mir jetzt ganz sicher, als auch noch der Name Romeo fiel: es war ein Textstück aus Romeo und Julia. Als hätte er meine Gedanken erraten, flüsterte mir jetzt Johann, der sich wieder etwas gefasst hatte, mit einem hintergründigen Lächeln zu: „Emilia hat sich einer Theatergruppe angeschlossen. Sie bereiten eine Shakespeare-Aufführung vor. Sie übt ihre Rolle, natürlich die Julia, und sieht wohl einen Romeo vor sich sitzen. Ich habe früher auch mal Theater gespielt und erinnere mich noch ein wenig an die Romeo-Rolle. Außerdem habe ich damals noch etwas Anderes gelernt. Jetzt werde ich meine Kleine mal überraschen.“
Johann stellte sich dicht neben den Stuhl, der Emilia gegenüberstand, und machte mit geschlossenem Mund ein einigermaßen entspanntes Gesicht. Emilia rezitierte gerade: „Willst Du schon gehn? Der Tag ist ja noch fern. Es war die Nachtigall und nicht die Lerche, die eben jetzt dein banges Ohr durchdrang“, als plötzlich vom Stuhl her mit gedecktem, leicht dumpfem Ton die Antwort von Romeo kam: „Die Lerche war’s, die Tagverkünderin. Der muntre Tag erklimmt die dunst’gen Höh’n: Nur Eile rettet mich, Verzug ist Tod“. Die Wirkung war verblüffend: Emilia schaute völlig verwirrt auf den Stuhl, dann auf den danebenstehenden, verkniffen ein Lächeln unterdrückenden Johann, schließlich auf mich. „Was…, wer…, wie geht das denn?“ fragte sie entgeistert.

NUN SCHEINT DAS GEHEIMNIS dieser Rose fast gelöst: Emilia ist mittlerweile Mitglied einer Shakespeare-Theatergruppe. Die Lerchen, im Spiel von Romeo und Julia den Tag ankündigend, fliegen als Mauersegler vor ihrem Fenster mutige Kurven. Emilia hat erkannt, dass ihre Dialoge mit dem Stuhl immer und überall stattfinden, Personen und Objekte austauschbar sind. Sei es Chaplin mit einer Weltkugel. Snoopy mit einem Blatt oder Roosevelt mit dem marmornen Lincoln.
Das Rätsel dieser Rose wäre längst gelöst, hätte das Stöckchen, Überbleibsel in Emilia’s Haar den Weg in einen Topf Erde gefunden und wäre daraus eine neue Rose gewachsen. So aber bleibt es ein Fragezeichen, es sei denn der übersehene Teil im Puzzle der Ereignisse, Personen, Objekte, der Begleiter Emilias, jener mysteriöse begnadete Pianist gibt uns den entscheidenden Hinweis. Welche Rolle spielt er für Emily und die Rose? Hat er sie Emily ins
Haar gesteckt? Warum ist Emilia mit Johann ein Paar geworden und nicht mit ihm?
Manches Mal verändern eine leichte Körperdrehung nach links statt nach rechts, eine gehobene Augenbraue, ein falsch betontes Wort, ein Lufthauch der einer Rose die Blätter nimmt, den Gang der Geschichte. Sie trennen was zusammen zu passen schien, schicken die Helden auf eine lange Reise bis sie sich ihrer Bestimmung erinnern. Die sie im Gedanken verlorenen Dialog mit Stühlen, Weltkugeln, Blättern oder Marmorstatuen wieder entdecken.

MIT LEICHTER WEHMUT blicke ich nach draußen. Dort wo in wilder Unbekümmertheit die Mauersegler ihre Runden fliegen. Ich spüre eine warme Zuversicht und Ruhe in meinem Bauch. Eine Wärme die aus dem verstehen und der Intimität der Situation heraus mein Herz geöffnet hat. Da ist dieses Lachen. Kein Hämisches sondern ein Befreiendes. Eines, das Emilia so nimmt wie sie ist und sich mit Ihr freut, so sein zu können. Ich kann sie so verstehen, wie ich die Mauersegler verstehe. Ich verstehe plötzlich auch wo all die Kreativität entsteht.
Es ist ganz egal in welche Richtung ich mich drehe, welche Augenbraue ich hebe. Es gibt keine Trennung, dort wo die Kreativität entsteht.
Plötzlich ist es ganz klar. Ich sehe den CD-Player und presse Play. Laut, Klar und deutlich kommen unter Reggae Klängen die Worte von Bob Marley, „Don’t worry be happy ..
Three little birds
Pitch by my doorstep
Singin‘ sweet songs
Of melodies pure and true,
Sayin‘, („This is my message to you-ou-ou: „)

Singin‘: „Don’t worry ‚bout a thing, “
Wir drei verstanden sofort, das lachen schwappte über und wir tanzten um den Stuhl bis wir schweißgebadet und mit, von Lachen schmerzendem Bauch auf dem Boden lagen.
Mann oh Mann.

 

STORY „DER STUHL 2“ (PDF)

 

STORY-TEAM ELAINE (OWNER)
ARABEL, RUEDIGER, ERZÄHLER C, GERD (CONTRIBUTORS)
DARMSTADT / BERLIN, GERMANY 2016

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(Weitergabe bei Namensnennung, nicht kommerziell, keine Bearbeitung /
Veränderung)
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