NORMALERWEISE hört man nichts aus der Wohnung nebenan, es sei denn, die Dusche prasselt.
Diesmal war es anders. Jemand sprang in einem Satz die Treppe vom Dachboden herunter und landete mit einem lauten ‘Thump’ auf dem Boden. Die Tür zum Treppenhaus wurde mit Wucht aufgerissen und mit Karacho wieder zugeschlagen. Daraufhin klingelte es – recht insistent – bei mir an der Tür.
Vorsichtig machte ich auf und da stand er! Der Gorilla. « Guten Tag », sagte er, « ich bin der Artur, darf ich reinkommen? »
Während ich mit alarmierten Augen Signale an meine Nachbarin von gegenüber schickte – sie schaute auch vorsichtig raus – bat ich Artur möglichst höflich hinein. Es empfiehlt sich wohl nicht, unhöflich zu einem Gorilla zu sein. Ich bot ihm einen Stuhl an und schob ihm die Obstschale entgegen.

« Es ist so », fing Artur an, « was viele Menschen nicht wissen ist, wir Affen und ihr Menschen sind genetisch zu 99% gleich!! Da ich von zu Hause ein bisschen weit abgekommen bin, möchte ich Dir – euch –  einen Vorschlag machen. Wir laufen zu dem kleinen Park hoch und ich zeige euch was. » Also gut. Wir liefen die von Bananen umsäumte Treppe hinunter und dann, Arm in Arm, die Straße hoch, von der ganzen Nachbarschaft – Wow! das hatte sich schnell herumgesprochen – in einer, für sie behutsamen, Distanz gefolgt.

DAS LAUTSTARKE GEMURMEL der Nachbarn, die eifrig die Köpfe zusammensteckten, ließ mir kaum die Möglichkeit, mich auf das zu konzentrieren, was Artur versuchte, mir mitzuteilen. „… verstehst du?“ hörte ich nur, was mich zurück in die Realität holte. „Ja sicher! Auf jeden Fall!“, bestätigte ich Artur eifrig. „Nun ja, es ist einfach nicht leicht für uns“, erzählte er weiter, während er mich in einem marathonähnlichen Tempo den Hügel zum Park hinauf zerrte.
Langsam ließen wir die Nachbarschaft hinter uns – sie konnten beim besten Willen nicht mit Arturs Geschwindigkeit mithalten. Als der Park schon in Sichtweite war und ich die lebensrettende Parkbank erspähen konnte – ich war schweißgebadet – hielt Artur prompt inne und blieb ohne ersichtlichen Grund stocksteif stehen. Ich entwirrte meinen Arm aus seiner Pranke, stemmte die Hände auf die Knie und schnaufte. „Was ist los?“, keuchte ich. Keine Antwort. Nachdem ich mich unter lautstarkem Protest meiner Wirbelsäule wieder aufgerichtet hatte, schaute ich mich verwundert um. Keine Spur mehr von Artur.
Ich runzelte die Stirn und drehte mich so oft um die eigene Achse, bis mir schwindelig wurde, aber ich konnte ihn nirgends entdecken. Ich war irgendwie ein bisschen erleichtert, aber mittlerweile viel zu neugierig um einfach wieder nach Hause zu schlendern. Ganz abgesehen davon hatte ich keinen Nerv für die Fragen meiner Nachbarn. Also schlich ich langsam und vorsichtig in Richtung Park. Das schien mir der richtige Ort, um mit der Suche nach Artur zu beginnen.

ALS ICH SCHLIEßLICH hinter dem Prinz-Emil-Schlösschen angekommen war, sah ich auf dem Gras einen braunen Fellhaufen liegen. Jetzt fiel mir auch ein, dass das Fell des Gorillas auf der Seite ein wenig aufgeklafft hatte und eine Art Karomuster zu sehen gewesen war. In der Aufregung hatte ich das aber nicht weiter beachtet. Sollte das Wesen etwa zu  100 % mit uns Menschen genetisch gleich sein? Ein Verdacht beschlich mich, und ich schaute nach oben.
Da sah ich gerade das Ende des Arms des besonders riesigen Krans, der in der Ehretstraße aufgestellt war, um die Baustelle im Innern des Blocks mit Baumaterial zu beliefern, über mir schweben. Und unten dran hing, in schwindelnder Höhe und kaum noch richtig zu erkennen, eine Gestalt. Der Arm des Krans schwenkte jetzt in erstaunlich raschem Tempo in Richtung unseres Wohnblocks zurück. Er musste tatsächlich, wenn er weit genug drehte, bis zum Donnersberg-Ring reichen, also bis über meine Wohnung. Die Bauarbeiter waren, das hatte ich schon beim Vorbeigehen an der Baustelle des öfteren mitbekommen, ein recht lustiges Völkchen und hatten auch mir schon öfter spaßige Bemerkungen zugerufen. Gestern hatte ich einen von ihnen mit einer großen Staude Bananen zur Baustelle zurückkommen sehen. Langsam dämmerte mir etwas.

DER KRAN DREHTE SICH in meine Richtung zurück. Die Gestalt wurde wieder sichtbarer und irgendwie – orange und flusig. « Na los! » rief sie. Der Stimme nach war es zweifellos Artur. « Was, na los? », als ich nach oben rief, kam die Sonne hinter einem Wölkchen vor und blendete mich. « Na los, komm rauf! » befahl Artur. « Bist Du irre, das kann ich nicht! ». « Das kann ich nicht, bäbäbäh! » äffte Artur mich nach. « Natürlich kannst Du – 1 Prozeeheent, nicht fünfzig. Nur ein kleines Minipupsi Prozent! Davon lässt Du dich doch nicht abhalten, oder? Das wäre doch lachhaft! » « Pff », leicht beleidigt mit verschränkten Armen drehte ich mich von Artur weg Richtung Park. Da fiel mein Blick auf den Fell-Schotten-Haufen. Zögerlich ging ich darauf zu. Ich roch daran. Er roch – lustig – nach Banane und hmm, Lakritze. Dann ging alles ganz schnell, wie fremdbestimmt. Ich schlüpfte in den Anzug und, ach gute Güte, was einem da alles durch den Kopf schießt. « Planet der Affen – ist ja affig – Du kriegscht mi eh net, sagte der Affe zu dem Pferd aus dem Südwest-Fernsehen… und dann – King Louis – Ich bin der König im Affenstall, der größte Klettermax…von Ast zu Ast, das ist für Affen ein Klacks » Als mir bewusst wurde, woran ich so dachte, schwebte ich schon ca 30 Meter über der Erde. Ja, ich hing an dem Gerüst! « Keine Zeit für Angst », dachte ich und kletterte unbekümmert weiter. Bald erreichte ich Artur. Er half mir mit seinen flauschigen langen Armen ganz nach oben auf den Kranarm. Boah, Hammer. Jetzt sitze ich hier oben mit einem, tja, mit einem Orang Utan. Artur sah meinen fragenden Blick. « Also erstmal: Chapeau, Du warst schnell. Und ja, ich bin ein Orang Utan. Ich schlüpfe immer in so ein Gorillakostüm, wenn ich etwas rüberbringen will. Weil, also mal ehrlich, wer hört schon auf einen Orang Utan, nee, da muss schon ein Gorilla her. Sonst wollen einen alle nur streicheln und machen dutzidutzi, aber sie konzentrieren sich nicht auf das Wesentliche. »
Stolz wie Bolle lächelte ich ihn an: « Ja, das leuchtet mir ein. Logisch, klar.

Apropos leuchten. Schau Dir die Sonne an. Mmmhmmm. Es gibt kein schöneres Licht und kein entspannteres Plätzchen für eine kleine Patience zu zweit. » « Patience? Bist Du irre, das kann ich nicht, ich bin vieel zu ungeduldig! » empörte sich Artur. « Hahahahihihi, ein Prozääähäääänt, Artur, davon lässt Du dich doch nicht abhalten, oder? » « Mist, touché! » gab sich Artur geschlagen. Ich habe immer ein Patienceblatt dabei und kramte es umständlich unter dem Gorillaanzug heraus. Wir krabbelten noch ein wenig weiter an den Rand des Kranarms, zu einer Werbefläche, die wir als Tisch nutzten und begannen zu spielen. Wie lange wir da so saßen, kann ich nicht sagen. Zwischendurch vergaßen wir auch zu spielen, legten die Köpfe aneinander, begutachteten unser Glück und zutzelten an den Lakritzschencken von Artur..- « Verstehst Du? », fragte Artur erneut. « Mmmhmmm, mmhhhmmm » genoss ich.
Dass unten im Park mittlerweile um die 500 Leute saßen und uns erstaunt zusahen bemerkten wir nicht.
Später erzählte man sich, es sei ein Bild für die Götter gewesen: Ein etwas zerrupftter Orang Utan mit Fetzen von Schottenstoff, die an ihm herunter hingen und eine wunderschöne 70-jährige schlanke Dame mit graubraunem Haar, bekleidet in einem Gorillakostüm – auf einem Kran in der untergehenden Sonne über den Dächern. Herrlich. Ungewöhnlich. Grenzenlos. Das gelebte Leben. Der Dalai Lama meinte, selbst Buddah sei sicherlich niemals entspannter gewesen. Er möchte sich jetzt auch ein Gorillakostüm nähen. Nähen und entspannen. Naja, er übt noch. ;-).

EIN RECHT SELTSAMES BILD bot sich uns, als wir die höchste Stelle des Parks erreicht hatten und vom Hügel über die große Wiese schauen konnten. Einige Schimpansen und Orang Utans und Gorillas begutachteten einander eingehend. Sie fassten sich an und besonders die Ohren des anderen schienen sie zu interessieren. Als sie mich sahen, verloren sie allerdings das Interesse aneinander und kamen, zuerst noch etwas zögerlich, dann immer mutiger, auf uns zu.

« Wo kommen die alle her? » fragte ich, von der doch recht außergewöhnlichen Situation etwas verängstigt aber doch überwiegend belustigt. Ich musste unheimlich kichern, als der erste Affe vorsichtig meine Haare anfasste und hochhob, sich selber über den Kopf legte und dann auch noch daran schnüffelte. « Pfirsichshampoo » gluckste ich, als ob das irgendwie etwas bringen würde.
« Männer und Affen sind sich ähnlicher als Männer und Frauen, wusstest Du das? » Artur grinste in sich hinein. « Wirklich, die Differenz im Erbgut zwischen Frauen und Männern kann bis zu vier Prozent betragen. So manch ein Schimpansenmann ist einem Menschenmann ähnlicher als seine Menschenfrau. Das ist doch zum schießen, oder? ». Antworten konnte ich nicht, da ich mittlerweile komplett von den Affen umgeben war. Ich ließ es mir aber nicht nehmen, auch zurück zu grabbeln und meinerseits die lustige Horde einer intensiven Begutachtung zu unterziehen. Ich konnte nicht aufhören zu kichern. Artur hatte sich mittlerweile hingehockt und mit einem verträumten Blick murmelte er: « Da wir uns so nah sind, können wir alle sehr ähnliche Dinge. Aber eine Sache, eine ganz bestimmte Sache, die können wir beide nicht, weder Mensch noch Affe… »

ICH SCHAFFTE ES mit viel Gewurschtel inne zu halten und sah Artur mit großen Augen an. Jetzt war ich neugierig geworden. Bevor ich jedoch lautstark „Was meinst du denn damit?“ fragen konnte, klappte ich meinen Mund wieder zu. Moment, dachte ich mir. Erstmal selber nachdenken. Ich setzte mich inmitten der buntgemischten Affenhorde auf das taufeuchte Gras, verschränkte die Beine, kniff die Augen zusammen und stützte das Kinn auf meine Faust. Nachdenklich sah ich aus; ich habe mich in diesem Moment sehr intelligent gefühlt muss ich zugeben.
Es war sehr ruhig um mich herum geworden, das Geschnatter und Gegrummel der Affen hatte sich gelegt. Langsam öffnete ich die Augen, um in die Runde zu schauen. Und da bot sich mir ein Anblick, der jeden anderen Menschen in Sprachlosigkeit versetzt hätte. In einem fast mathematisch angeordneten Halbkreis saßen die Affen, groß und klein, rot und schwarz und grau, auf allen Vieren und auf ihrem Po, um mich herum und starrten mich an. Ohne einen Ton von sich zu geben.
Nun war ich aber nicht jeder andere Mensch, nein, ich war die talentierteste Akrobatikerin und Hauptattraktion des Da Capo Varieté! Also tat ich, was in meinem Falle nahe lag: In einer Folge von butterweich ineinander übergehenden tanzenden, springenden und drehenden Bewegungen glitt ich, für das bloße Auge kaum sichtbar, über, unter und neben den Affen vorbei, bis ich am Rande des Halbkreises direkt vor Artur zum Stehen kam. „Ich weiß, was es ist!“, schnaufte ich, in meiner schönsten Abschlusspose vor ihm innehaltend, „Ich weiß jetzt, was du meinst! Weder Affe noch Mensch kann…“

„…FLIEGEN. Kommen Sie schnell“, rief ein seriös gekleideter, aber recht resolut wirkender Herr, der in einem kleinen Transportkorb neben mir auf der Wiese gelandet war und die Eingangstür des Korbes offen hielt. Er nahm mich bei der Hand und zog mich in den Korb. Dieser hob sogleich vom Boden ab und glitt schnell nach oben. Als ich hoch schaute, sah ich, dass wir am Arm eines riesigen Kranes hingen, von dem ich wusste, dass er in der Nähe meiner Wohnung stand und eine Baustelle im Wohnblock mit Baumaterial belieferte.
„Gestatten, Regierungsdirektor Meyer von der Bundesanstalt für Tierforschung. Wir führen Verhaltens-Experimente mit Tieren durch. Ich wurde eben Zeuge, wie ein Experiment zu entgleiten drohte. Daher musste ich leider eingreifen. Entschuldigen Sie bitte. Bei uns arbeitet der Affenforscher Dr. Artur Pfotenhauer, der gerade ein Experiment mit einer gemischten Affengruppe durchführt. Er selbst trägt dabei meist ein Gorillakostüm, um von den Affen besser respektiert zu werden. Wir haben den Kran der Baufirma stundenweise gemietet, da sie ihn nicht durchgehend braucht.
Dr. Pfotenhauer hat die Affen aus dem Käfigwagen, in dem sie transportiert werden, gleich zum Turm des Krans gebracht, an dem er dann hinauf kletterte, gefolgt von den Affen. Dr. Pfotenhauer ist Turner und ein hervorragender Kletterer. Er ging dann auf dem Arm des Krans hinüber zu Ihrem Wohnhaus und ließ sich am Seil auf das Dach herunter, die Affen immer hinterher. Er deckte ein paar Dachziegel ab und schwang sich hinunter auf den Dachboden. Hier begann das Experiment: Wie verhalten sich Affen, wenn sie, wie von den Bäumen herunter, in eine menschliche Siedlung steigen. Wo gehen sie hin? Sind sie scheu, freundlich oder aggressiv zu den Menschen, die sie treffen? Dr. Pfotenhauer ließ die Affen hinunter auf die Straße gehen, wo sie großes Aufsehen erregten. Er selbst wollte noch ein Zusatzexperiment vorbereiten: wie würden sich die Affen gegenüber netten älteren Damen verhalten, wenn sie in der Gruppe waren? Dafür suchte er Sie auf, um Sie zum Mitkommen zu bewegen. Dabei stellte er fest, dass Sie jedenfalls zu Affen sehr freundlich, ja fast höflich waren.
Die Affen gingen, wie zu erwarten, zur nächsten größeren naturnahen Grünfläche, also zurück zur Natur. Menschen trafen sie keine, da diese alle in respektvoller Entfernung verharrten. Nur Sie gingen mutig auf sie zu, ja tanzten fast mit ihnen. Aber da wurden mir die Affen doch zu unverschämt und grabschig, und ich musste eingreifen.“
Die Erzählung des Direktors hatte mich verblüfft. Ich fühlte mich nach der ganzen Anspannung jetzt auch ein wenig müde. Ich sah, wie dort unten die Affengruppe von einem Gorilla zum Käfigwagen geführt wurde. Winzig klein sahen sie aus. Der Arm des Krans schwenkte jetzt langsam in Richtung meiner Wohnung.
„Der Dr. Artur Pfotenhauer ist schon ein komischer Kauz“, sagte Direktor Meyer. Von Ihm stammt auch die Theorie, dass die Männer den Affen näher stehen als ihren Frauen, sogar genetisch, angeblich. Aber das trifft wohl nur auf ihn selbst zu. Er ist so vernarrt in die Affen, dass sie ihm vielleicht wirklich wichtiger sind als seine Frau. Die würde wahrscheinlich auch gerne öfter von ihm erforscht werden, aber da wird sie wohl noch drauf warten müssen“.

PLÖTZLICH HÖRTE ICH  hinter mir einen Ruf. Ich machte Artur ein Zeichen, dass ich halten wollte, und drehte mich um. Da kam eine Gestalt auf uns zu, die wie eine Erscheinung wirkte, so schön und unwirklich. Ein fast nackter, nur mit einem Lendenschurz in Leopardenmuster bekleideter, athletischer junger Mann näherte sich uns mit federnden Schritten. Das braune Haar war fast schulterlang und umrahmte das bartlose Gesicht, das wie der ganze Körper braungebrannt war.
„Hallo, ich bin Tarzan“, sagte er mit freundlicher Stimme. „Ich bin bei den Gorillas aufgewachsen und habe ihre Sprache gelernt. Aber wie konntest Du Dich mit Artur verständigen? Bist Du eine Affenforscherin?“ Erst jetzt fiel mir auf, dass ich Artur ohne Probleme verstanden hatte. „Nein“, entgegnete ich etwas verlegen. „Ich bin im Ruhestand. Aber vorher war ich Klavier-Lehrerin, Astrologin und Spezialistin für Kirlian-Photographie. Für verborgene Fähigkeiten habe ich mich schon immer interessiert. Dass ich die Sprache der Gorillas verstehe, ist mir aber auch neu“.
Artur hatte aufmerksam zugehört, da wir, wie mir jetzt bewußt wurde, in gorrillisch gesprochen hatten. „Kommen die Anderen auch bald“, fragte er Tarzan. „Ich denke schon“, antwortete der. „Ihr wart ja alle in einem solchen Reiserausch, dass es uns jetzt bis nach Old Germany verschlagen hat, wie meine englischen Eltern es immer genannt haben“, sagte er jetzt, zu mir gewandt. „Oh, ich bin ursprünglich auch aus England, da haben wir ja ein bißchen ähnliche Wurzeln“, entgegnete ich, leicht verwundert, dass ich mit diesem Fabelwesen einiges gemein hatte.
„Kommt jetzt“, rief Artur energisch, „ich will euch in dem Park da oben was zeigen“. So liefen wir wieder los, ein Gorilla, ein wilder Urwaldmensch und eine ältere Frau, die sich jetzt insgeheim wie eine Affenforscherin fühlte. Gefolgt wurden wir in einigem Abstand von fast der gesamten Nachbarschaft.

TARZAN, HA, UNGLAUBLICH. Ich zwickte mich. Mit Tarzan und Gorillas und deren Sprache durch den eigenen Stadtpark wandeln. Ist das zu fassen! Ich beobachtete Tarzan. Er sah aus, als wolle er betont menschlich rüberkommen, bloß keine gorillischen Bewegungen. Ich musste kichern, weil es mir ein wenig so vorkam, wie eine Tunte, die bei einem Barbesuch versucht die Stimme tiefer zu machen und extrem männlich zu posieren. Ich liebe es, finde es rührend. Aber es ist dann meistens so übertrieben, dass es zumindest Fremden manchmal « affig » vorkommt. Oh mann, da haben wir es ja schon wieder. Diese Wortverknüpfungen immer. Wenn man mal in die Welt anderer Wesen geschleudert wird, fällt einem erstmal auf, welche Worte man alle einfach so im täglichen Sprachgebrauch einsetzt, ohne sich deren richtig bewusst zu sein. Das Wort « dämlich » z. B. fand ich schon immer Mist, unangebracht und anmaßend. Ich benutze es nicht. Dämlich, Dame… « Hmm, » begann ich zögernd, « sag mal Tarzan, wo ist eigentlich Jane? Ich dachte immer, ihr seid so ein unzertrennliches Dreamteam. Ist sie auch hier? » Mir fiel auf, dass Tarzan ein bisschen rot wurde. « Wir haben noch Kontakt aber wir sind kein Paar mehr. Schau mal, da hinten, eine Imbissbude. Ich habe Hunger! » So kam er mir nicht davon: « Aber warum habt ihr euch getrennt, wollte sie ein anderes, ein gewöhnliches Leben? Oder habt ihr euch gestritten? » bohrte ich nach. Tarzan verdrehte die Augen und schaute nach oben. Er begann mit der Hüfte zu wippen und verschränkte die Arme. « Naja, » sagte er, « Du weißt doch, dass Frauen und Männer genetisch so weit voneinander entfernt sind. Auch mental manchmal. Den Affen ist das egal, sie leben mit mir. » Er  verlagerte die Hüfte auf die andere Seite, und er spielte verträumt mit seinen Brustmuskeln. Während er mit seinem Finger über seine Lippen strich, flüsterte er: « …und manch menschlichen Wesen bin ich eben auch mehr zugetan anderen eher nicht. » Ich stand mit offenem Mund da: « Nein, wie irre ist das denn. Du bist schwul. Ha, Tarzan ist schwul, na, da laust mich doch der Affe. Irre. »

SIEHST DU, ICH WUSSTE, dass man mich dafür nur verurteilen wird!!“, rief Tarzan empört und rannte, den Tränen nahe, auf die Imbissbude zu. Artur und ich folgten ihm langsam. Jetzt hatte ich ein schlechtes Gewissen und wurde rot. „Oje, meinst du, jetzt ist er mir böse?“ „Nein, nein, mach dir keinen Kopf“, antwortete Artur, „Tarzan ist ein bisschen empfindlich auf dem Gebiet, weil er schlechte Erfahrungen gemacht hat. Weißt du, als er mit Jane damals nach England gegangen ist, haben ihn die Menschen dort nach seinem Coming Out regelrecht verstoßen. Seitdem sieht er jede Reaktion, die nicht deutlich positiv ist, als Angriff. Mach ihm einfach nochmal klar, dass du damit in keinster Weise ein Problem hast.“
Jetzt waren auch Artur und ich an der Imbissbude angekommen. „Du, Tarzan“, fing ich an, „es tut mir Leid, wenn ich dich beleidigt habe. Ich habe absolut kein Problem mit Homosexualität! Im Gegenteil, ich fände es nur fair, wenn alle ihre Lieben gleichgestellt ausleben könnten! Aber versuch das mal der starrköpfigen Bevölkerung zu verklickern…“ „Ja! Ja, genau!“, stimmte er mir zu. „Mein Gott, bin ich froh, dass du das so siehst. Ich dachte schon, du bist wie Jane…“. Tarzan stocherte lustlos in den Pommes herum, die er sich mittlerweile an der Imbissbude gekauft hatte. Wenn man das Pommes nennen konnte – eigentlich bestand das Pappschälchen nur aus Ketchup und Mayo. Igitt.
„Weißt du“, begann Tarzan wieder, „sie hat mich genauso angeekelt verstoßen wie du gerade meine Pommes angesehen hast. Und seit meinem Coming Out habe ich die wahre Liebe noch nicht finden können…“
Artur verzog betroffen die Miene. Auch ich schaute etwas bedröppelt drein und wusste nicht recht, was ich sagen soll. Da fiel mir etwas ein. Mein Gesicht hellte sich mit einem strahlenden Grinsen auf.
„Tarzan. Ich kenne jemanden, mit dem du dich bestimmt SEHR gut verstehen würdest! Komm, wir fahren nach Berlin!“
„Berlin?! Wieso Berlin?“. Er schaute mich verwundert, aber doch neugierig an.
„Nun ja, eine Freundin lebt dort, die Isabel, und sie hat vor einiger Zeit einem Freund – Roman, neu in Berlin, die Stadt gezeigt mit den geeigneten Cafes usw., wofür er ihr heute sehr dankbar ist, denn er ist den Männern genauso zugetan wie du. Roman hat ein bißchen mit seinem Namen gespielt, und ein i-Tüpfelchen dazu gegeben. Heute heißt er Marion. Ich glaube, ihr würdet blendend zusammen passen, er ist herzallerliebst.
Wartet hier, bestellt euch noch eine Pommes, ich gehe Isabel anrufen und drei Bahntickets buchen…“

 

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AUTOREN: STORYTELLING-TEAM ELAINE (OWNER),
ELENA, ERZÄHLER C, ARABEL (CONTRIBUTORS)

 

 

Gewidmet der Gorilla-Dame FATOU zum 58. Geburtstag im Berliner Zoo.